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Reginald Richter

Scherben bringen bekanntlich Glück, doch bei dem 86-jährigen Künstler Reginald Richter ist das anders. Sein Werkstoff ist Glas. Der Glasgestalter ist gemeinsam mit Richard Wilhelm Autor der Gläsernen Blume, die einst im Palast der Republik in Berlin zu sehen war. Im Interview lässt er uns wissen, wie seinerzeit dieses Großprojekt realisiert wurde, wie unterschiedlich Ost- und Westdeutsche Künstler nach der Wende arbeiteten und wie er seine Frau kennenlernte, mit der er immer noch glücklich zusammenlebt.

Interview: Julia Adam und Florina Ademi
Fotos: Philipp Schöner

Herr Richter, Sie arbeiten mit Glas. Ist denn schon mal was zu Bruch gegangen?
Sehr oft. Glas ist ein zerbrechliches Material, wie jeder weiß und einer der schönsten Werkstoffe. Man muss ziemlich schnell lernen, wenn man sich dem Glas verschworen hat, und darf nicht gleich verzweifeln, wenn es mal kaputt geht. Sonst wird man krank. Man sollte diesem Material munter begegnen.

Würden Sie sich selbst als Künstler oder Handwerker bezeichnen?
Das ist eine grundsätzliche Frage. Ich gehöre zu einer Generation, die sagt, wenn ein Künstler sein Handwerk nicht ver
steht, dann sollte er lieber aufhören. Aber heutzutage ist der Begriff des Künstlers ja so weit gefasst, dass sich unter dieser Überschrift sehr viele tummeln. Ab und zu könnte ein bisschen Handwerk zu spüren sein. Ich hatte eine Glasgraveurlehre plus Meisterprüfung, ganz simpel und einfach.

Inter.Vista, Reginald Richter, Foto: Philipp Schöner

Inter.Vista, Reginald Richter, Foto: Philipp Schöner

Ihre Werke sind sehr groß. Geraten Sie da körperlich manchmal an Ihre Grenzen?
Was ich mit Glas anfange, wird immer schwerlastig. Das ist mein Handicap. Und natürlich wird es schwieriger, das
Material zu transportieren. Aber oft waren auch Helfer da, die mit anpackten.

Gibt es ein Werk, auf das Sie ganz besonders stolz sind?
Auf eine meiner letzten Arbeiten für die Universität Magdeburg. Es ging um die Eingangssituation Falkenbergstraße. Ich hatte ein Zitat von Otto von Guericke gefunden, dass ich dafür verwendete: »[…] denn allseits gleichmäßig kehrt das Antlitz der Erde sich dem Himmel zu, und allseits gleichmäßig hält sie jeglich Ding und lässt nicht los.« Übrigens mein einziger Wettbewerb, den ich gemacht und gewonnen habe.

Gibt’s auch andere, auf welche Sie nicht so stolz sind?
Entweder hat man neue Erkenntnisse gewonnen und setzt einen neuen Maßstab oder eben nicht. Wenn ich in meinem Alter zurückblicke, kann ich sagen, ich bin recht zufrieden.

Ursprünglich kommen Sie nicht aus Magdeburg, sondern aus Wien. Während der DDR­-Zeit war es schwierig in den Westen zu reisen. Waren Sie vor der Wende mal in Ihrer Heimatstadt?
Nein. Und es hat mich sehr belastet. Meine Herkunft ist etwas schleierhaft. Ich wurde nach meiner Geburt abgelegt und war sechs Jahre in einem Kinderheim. Danach bin ich zur Pflege genommen worden, in einen hoch respektablen, liebevollen und breit gefächerten Familienverbund. Meine vier Jahre jüngere Schwester wurde schon als Säugling adoptiert. Ich hatte mit ihr sogar den gleichen Klavierunterricht und lud sie ab und an zum Kaffeetrinken ein. Ich durfte ihr aber nicht sagen, dass ich ihr Bruder bin, weil ihre Eltern das nicht wollten. Wir haben uns erst Mitte der sechziger Jahre wiedergefunden, als sie heiraten wollte. Und im Gegensatz zu manch anderen Verwandtschaften hält diese noch im bestem Maße.

Wie hat ihre Schwester reagiert, als Sie erzählten, dass Sie Ihr Bruder sind? Glaubte Sie Ihnen?
Sie fiel aus allen Wolken. Es gibt so viele Geschichten über Familien, die getrennt wurden. Aber wir sind stabile Naturen, wir haben das ausgehalten.

»Man muss lernen zu unterscheiden, wo es sich lohnt, hinzuhören und ein bisschen zu verweilen.»

Wie haben Sie eigentlich Ihre Frau kennengelernt?
Das war Weihnachten 1950, in den kurzen Semesterferien. Meine Eltern meinten, ich solle wenigstens zu Silvester zu Hause bleiben, aber ich ging zu Neujahr tanzen und sah dieses Mädchen. Da war es um mich geschehen, wir unterhielten uns trefflich – und das nun schon 66 jahre lang. Ich habe wohl einen guten Eindruck gemacht, denn sie erzählte sogar zuhause ihrer Mutter von mir. Ihr Vater meinte aber, sie solle die Finger von mir lassen, weil ich ein Hochstapler sei. (lacht) Hat aber alles nichts genützt. Meine Frau ist Lehrerin. Vier Jahre später heirateten wir, mit gemeinsamen Hausstand und drei Söhnen in Magdeburg.

Was halten Sie von dem etwas zweifelhaften Ruf Magdeburgs?
Wenn sie einem alten Magdeburger sagen, wie schön es hier ist, wird er ihnen nicht glauben. Wenn sie es einem Bayer erzählen, wird er sagen, das will er aber auch hoffen.

Wäre Magdeburg eine Skulptur, wie würden Sie diese darstellen?
Wie das alte Wappenzeichen von Magdeburg.

Wie hat sich Ihre Arbeit nach 1989 geändert?
Nach der Wende waren Architekten aus Stuttgart auf meine Glaswand im Erfurter Museum aufmerksam geworden. Ich kam mit ihnen und anderen Künstlern zusammen. Um arbeiten zu können, brauchten wir Gebäudezeichnungen und -entwürfe: Wo sind Wegeführungen, wo werden Feuerlöscher angebracht, die Beleuchtung. Sie konnten uns das nicht zeigen. Die Elektrik mache eine Firma, den Schallschutz mache eine andere Firma, mit der Außenhaut und der Innenhaut wäre eine dritte Firma beauftragt. Künstler arbeiteten oft autark, in künstlerischer Freiheit. Der Künstler machte

womöglich noch einen Vorhang davor und nach vier Wochen sagte er dann: »So, das müsst ihr jetzt schlucken, das ist mein Beitrag zu diesem Bau.« Da wurde auf die Architektur nicht eingegangen. Ich habe immer versucht, mit dem Architekten zu einem Gesamtklang zu kommen.

Wie war die künstlerische Arbeit in der DDR?
Baugebundene Kunst, davon will ich reden, ist meistens Auftragskunst. Sie generell zu verteufeln ist Unsinn. Es gab in den einzelnen Bezirken Auftragskommissionen, die vorwiegend mit Fachleuten besetzt waren. Was ein solches Großprojekt wie den Palast der Republik betrifft, wurden alle Entwürfe von der Tasse bis zur Bildergalerie dem Politbüro der SED vorgestellt. Es gab Ängste, dass irgendein alter Greis seinen Unmut äußern könnte. Aber das Projekt war so ganzheitlich gedacht, dass das Ergebnis später über die Grenzen hinaus verwunderte Anerkennung erfuhr.

»Ich wurde nach meiner Geburt abgelegt und war sechs Jahre in einem Kinderheim.«

Wie wurde man damals Künstler?
In der DDR kamen meistens die Künstler in den Künstlerverband, die eine Hochschulausbildung hatten. Es gab eine dreijährige Anwartschaft, begleitet von einem ›Mentor‹. Die Studenten sollten ja nicht für ein Leben auf der freien Wildbahn studiert haben. Neben der immer deutlicher werdenden Trennung von der
stark geförderten Laienkunst gab es auch Ausnahmen. Manch ein Laie malte wunderbare naive Bilder, eins schöner wie das andere. Da war mancher Hochschulabschluss blass dagegen. Also so viel zu den Kriterien für den Künstlerverband.

»Wenn Sie einem alten Magdeburger sagen, wie schön es hier ist, wird er Ihnen nicht glauben.«

Würden Sie jungen Menschen heute empfehlen Künstler zu werden?
Junge Künstler verdienen manchmal nicht so viel, dass sie in die Künstlersozialkasse aufgenommen werden. Auch wenn sie mit dem Studium fertig sind. Sie leben teilweise zunächst von Hartz IV. Das ist keine Perspektive. Da muss man einen Arzt heiraten oder eine Ärztin, wie man so schön sagt. (lacht) Warum lernst du dann sowas? Werde doch Bauingenieur. Ich las gerade, dass der Architektenberuf wieder so gefragt ist. Jetzt gibt es einen Bauboom. Vielleicht ist das eine kreative Alternative. Aber wie lange noch?

Gab es eigentlich auch einen Markt für Glaskunst?
Nein. In der DDR gab’s die Regel, dass drei Prozent der Bausumme für Kunst zu verwenden sind. In der Bundesrepublik existierte eine Kann-Bestimmung, die bei fünf Prozent lag. Und dann gab es in den Neunzigern vom Finanzminister die Anweisung, dass diese Kann-Bestimmung in den neuen Bundesländern nicht angewendet werden soll. Und heute? Die Weltkunst ist ein riesiges Geschäft. Da wird es sogar einem Gerhard Richter unheimlich, wenn sein Bild 1,2 Millionen eingebracht hat. Der kann das gar nicht fassen, weil er immer noch ein ruhiger, stiller Mann ist. Aber andere machen das ja mit. Es gab diese fünf künstlichen Wasserfälle vor der Hafeneinfahrt von New York. Die waren 30 Meter hoch. Jeder einzelne kostete 15 Millionen. Und das Ganze war für eine Sommersaison gedacht und dann wurde es wieder abgebaut. Das ist sehr ungesund. Geld scheint da zu sein. Wenn es einem dagegen gelingt, mit einem kleinen Stillleben zu berühren, weil es trotz seiner kleinen Größe eine menschliche Aussage hat, dann können mir alle fünf Wasserfälle gestohlen bleiben.

Inter.Vista, Reginald Richter, Foto: Philipp Schöner

Inter.Vista, Reginald Richter, Foto: Philipp Schöner

Sie sind jetzt 86 Jahre alt. Was hat sich am meisten verändert, seit Sie jung waren?
Einer meiner Söhne sagt, er wäre eigentlich wunderbar ausgebildet: analog und

digital. Der hat also noch Subtrahieren gelernt, ist aber mittlerweile auch perfekt in den modernen Medien. Heute ist das einseitiger. Von fünf Leuten spielen drei nur mit ihrem Handy. Ich möchte nicht wie ein ›altfränkischer Großvater‹ drüber urteilen, aber die surfen ja hoffentlich nicht nur in irgendwelchen gestanzten ›Billiggegenden‹.

Haben Sie sich darüber geärgert, dass die Skulptur der Gläsernen Blume immer als Blume bezeichnet wurde, obwohl sie einen Baum darstellen sollte?
Nein, gegen solche Bezeichnungen kann man nichts machen. Die Leute lassen sich da sehr schöne Dinge einfallen.

Arbeiten Sie noch als Künstler?
Nicht direkt, aber ich bin in der Arbeitsgruppe im Berliner Schloss dabei. Und das
ist eine interessante Geschichte, weil es auf einem sehr angenehmen Gesprächsniveau ist. ›Honeckers Lampenladen‹ spielt da keine Rolle. Außerdem habe ich mit meinen Kollegen Wolfgang Rossdeutscher und Michael Emig für Magdeburg eine ganzheitliche Kunstkonzeption »Das Magdeburger Recht im Kontext der europäischen Rechtsgeschichte« mit entsprechenden Entwürfen erarbeitet. Der Stadtrat hat die Konzeption erst einmal angenommen und in die Ausschüsse verwiesen. Die angespannte Haushaltslage bremst oder blockiert jedwede raumgreifenden Kunstprojekte.

Was macht Sie traurig?
Wenn in Syrien Tempel weggesprengt werden, die nicht wieder aufgebaut werden können, wo die Kunstwelt einer Gesellschaft verloren geht. Ohne Vergangenheit gibt es keine Zukunft.

Magdeburg in drei Worten?
Aus – bau – fähig.

Nachteule oder Lerche?
Ich war ein Frühaufsteher. Jetzt können wir es uns auch leisten später aufzustehen. Wir bleiben auch nachts häufig wach, weil dann plötzlich doch was im Fernsehen kommt, was uns interessiert. Meine Frau und ich haben meistens den gleichen Geschmack, das ist wichtig.

Die moderne Kunst oder die alten Meister?
Beides.

Haben Sie einen Lieblingskünstler?
Nein. Das würde allen anderen, die man nicht erwähnt, unrecht tun. Ich habe einen Lieblingskomponisten. Das ist Franz Schubert. Guter Jazz ist natürlich auch was Wunderbares. Man muss lernen zu unterscheiden, wo es sich lohnt, hinzuhören und ein bisschen zu verweilen.

Mai 2017
Interview aus INTER.VISTA 4

Vista.Schon?
Reginald Richter war einer der bekanntesten Glaskünstler in der DDR. Er wurde 1931 in Wien geboren, wuchs aber in Nordböhmen auf. Nach Kriegsende wurde die Familie vertrieben und er kam so nach Ostdeutschland. Seine Werke waren und sind sowohl in Magdeburg, als auch in anderen Großstädten der ehemaligen DDR zu sehen. So schuf er das Werk Ganescha, das am Elefantenhaus des Magdeburger Zoos zu bestaunen ist sowie das Werk Genesung, das man vor der Berliner Charité findet. Für seine Arbeit wurde er unter anderem 1972 mit dem Kunstpreis der DDR geehrt. Er lebt mit seiner Frau in Barleben.

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